Ausstellung

Claudia Jung Malerei/Collage

Laudatio

Die Malerin Claudia Jung hat sich intensiv mit Theodor Fontanes Werk der „Fünf Schlösser“ befasst. Der Schriftsteller sah es als eigenständiges Werk, obwohl es den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ angegliedert ist. Auf seiner Reise erforschte er die Geschichte der Schlösser, die um 1889 zum großen Teil noch standen. Hoppenrade, Plaue, Quitzhövel, Liebenberg und Dreilinden lernen wir durch die Gemälde kennen. Zugleich erfahren wir die Geschichten, die sich in den Gemäuern abspielten. Und die waren sind nicht immer lustig.

Die Krautentochter – Lächeln aus der Vergangenheit

Schloss Hoppenrade birgt eine lange und komplizierte Geschichte. An dieser Stelle nur so viel: Fontane brachte eine alte Frau dazu, ihm in Bruchstücken das tragische Leben der ebenso untreuen wie betörend schönen Krautentochter zu erzählen.  Da muss dem Dichter schnell klar gewesen sein, dass er einem wunderbaren Stoff für einen Roman hörte. Einer jungen Frau, ihrem Liebhaber und dem eifer- und rachsüchtigen Ehemann begegnen wir wieder in dem berühmten Roman Effi Briest.

Claudia Jung spielt virtuos mit den verschiedenen Zeitebenen: ein geheimnisvolles Bildnis einer jungen Frau spiegelt sich in einer modernen Thermoskanne, wie man sie auch im Café Monet findet. Eine gedeckte Tafel mit weißen Nelken, Stühle und dahinter eine Tapete, in der eine abstrakt aufgefasste Landschaft zu vermuten ist. Bei ihrem Anblick stutzt der Literaturfan: Er fühlt sich an das Landschaftszimmer in der Mengestraße 4 in Lübeck erinnert. Aber halt, wir sind im Havelland, und unser Dichter heißt Fontane und nicht Thomas Mann. Und doch gibt es  eine feine Verbindung zwischen dem große Realisten und  dem Nobelpreisträger von 1929: Der Lübecker nannte „Effie Briest“ voller Bewunderung für den älteren Kollegen in einem Atemzug mit Tolstois „Anna Karenina“. Ja, zuweilen sagen Literaturwissenschaftler sogar, Toni Buddenbrook und Effie Briest seien  „Schwestern im Geiste“.

Es spielt keine Rolle, ob die Künstlerin Claudia Jung das Effi/Krautentochter-Porträt vor der Landschaftstapete bewusst platziert hat oder nicht. Sie hat jedenfalls zwei literarische Vorlagen in ihrer Malerei zur Deckung gebracht, die uns den Horizont erweitern, neue Bezüge herstellen und uns zu neuen Ufern der Erkenntnisse aufbrechen lassen. Was kann Kunst Schöneres bewirken!

Die Berlinerin Claudia Jung ließ sich im Lette Verein Berlin zur Grafikerin ausbilden und schloss anschließend das Studium der Visuellen Kommunikation an der damaligen Hochschule der Künste als Diplom-Designerin ab. Als freie Mitarbeiterin gestaltet sie bei einem TV-Sender Kulissen.  Eigene Ateliers hatte sie in Berlin-Tegel und Schönwalde-Glien. Seit  2012 lebt und arbeitet sie als Künstlerin und Gastgeberin im Landhaus Ribbeck, gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Jung. © JudithMeisner